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mythen
& desinformationen zum japanischen garten
Gärten
im japanischen Stil zu gestalten, boomt seit einigen Jahren. Viele Gartenbaufirmen
bieten auch Planungen und Ausführungen für Japanische Gärten
an, Koihändler und Teichbau-Firmen schießen aus dem Boden.
Bei dieser schnellen Entwicklung bleibt leider oft eins auf der Strecke:
Die Tiefe und Reife der japanischen Ästhetik.
So wie die Wüsten-Nomaden über die meisten Worte für "Sand"
verfügen,
gibt es die meisten Begriffe zu ästhetischen
Empfindungen in Japan.
Viele davon beziehen sich auch auf die Gartengestaltung und es braucht
für einen Europäer bestimmt mehrere Leben diese gänzlich
zu erfassen und in sich aufzunehmen. Dennoch lohnt sich eine Annäherung!
Sich nur auf die dekorative Wirkung von verschiedenen japanischen Garten-elementen
zu verlassen, schafft noch keinen japanischen Garten, denn dieser ist
im Idealfall mehr als die Summe seiner Bestandteile.
Schade ist, dass der Begriff "Japangarten" oder "japanischer
Garten" inzwischen auf jedes Gartengelände angewendet wird,
was Steinlaternen, Wasserbecken, Brücken oder sogenannten Gartenbonsai
(nebenbei ein absurder Begriff, denn "Bonsai" bedeutet "Baum
in der Schale") enthält.
Schade eigentlich....
Hier
ein paar Mythen und Desinformationen, die sich hartnäckig halten:
Mythos:
Japanische Gärten und chinesische Gärten
sind ähnlich.
Fakt: Es ist Zeit dieses
Durcheinander zu entwirren: Diese beiden Gartenstile sind seeeehr unterschiedlich!
Ein Besuch im Erholungspark Marzahn "Gärten der Welt" in
Berlin kann dies verdeutlichen. Dort kann man beide Gartenstile vergleichen.
Mythos:
Steinlaternen sind traditionell dazu da, den Garten
zu beleuchten.
Fakt: Steinlaternen
sind rein ornamentale Elemente, die im Garten Blickpunkte schaffen sollen
und eine Verbindung vom Natürlichen zum Formalen/Menschengemachten
herstellen sollen. In Japan werden sie nur sehr selten mit Kerzen oder
elektrischer Beleuchtung versehen.
Mythos:
Der japanische Garten heißt auch "Zengarten"
Fakt: Der Begriff "Zengarten"
ist eine westliche Erfindung. In Japan gehört er nicht zum Sprachgebrauch,
da dort niemand eine Verknüpfung zwischen dem Zenbuddhismus und Gärten
herstellt. Hier sagt ja auch keiner zu einem Kräutergarten "Franziskanergarten"
nur weil in ein paar Franziskaner-Klöstern Kräutergärten
zu finden sind.
Mythos:
Bonsai sind Bestandteil der japanischen Gartenkultur
Fakt: Bonsai (=Baum
in der Schale) ist ein Hobby, das mit dem Garten wenig zu tun hat. Die
Bonsai werden weder in den Garten gestellt noch gepflanzt. In der Regel
werden Bonsai auf Regalen vor einem schlichten Hintergrund präsentiert,
da sie so am besten zur Geltung kommen. Die sogenannten Gartenbonsai sind
Bäume verschiedener Größen - meistens Kiefern - die durch
bestimmte Techniken gestaltet werden. Man spricht also besser von z.B.
"gestalteten Kiefern".
Mythos:
Alle Dinge im japanischen Garten stehen symbolisch
für etwas anderes.
Fakt: In den meisten
Fällen führt es zu nichts, sich alles im japanischen Garten
symbolisch erklären zu wollen. Es gibt zwar japanische Gärten,
deren Beschreibung Symbole enthalten, aber die meisten wurden erst später
hinein interpretiert um den Garten vermeintlich interessanter zu machen.
Die einzigen Symbolismen, die mir einfallen, sind je nach Zeit-Epoche
die Darstellungen von japanischen und chinesischen Landschaften, Literatur
und Mythen (Inseln der Unsterblichkeit u.a.). In der Regel sind aber alle
Gärten auch ohne diese Beschreibungen verständlich, da alle
enthaltenen Elemente auch immer für sich stehen.
Mythos:
In einem japanischen Garten dürfen nur japanische
Pflanzen stehen.
Fakt: Die Pflanzenauswahl
sollte sich in erster Linie an folgende Kriterien halten: 1. Pflanzen
und Standortbedingungen sollten zusammen passen
2. Die Gehölze sollten nicht zu groß werden (also: z.B. keine
Kastanien), Stauden nicht zu sehr wuchern.
3. die Gehölze sollten einen grazilen, eleganten und natürlichen
Wuchs haben
4. eine aufregende Herbstverfärbung ist wünschenswert (hier
muß man ja sagen, dass die japanischen Ahorne unübertroffen
sind...)
5. Stauden sollten einen natürlichen Charakter haben (Gräser,
Farne, Wildstauden)
6. auffällige und hochgezüchtete Blütenfarben und - formen
in bunter Vielfalt möglichst meiden. Besser: einzelne Stauden- oder
Gehölzblüher über das Jahr verteilt einsetzen.
Mythos:
die Azaleen-Blüte ist wichtiger Bestandteil
des japanischen Gartens
Fakt: Azaleen werden
in Japan als Formgehölze beschnitten (leider wachsen sie bei uns
nicht so üppig, dass dies hier möglich ist) und damit auch der
größte Teil der Blütenknospen. Außerdem wird man
wohl in keinem fundierten Buch über japanische Gärten, japanische
Poesie u.s.w. irgendetwas zur Azaleenblüte finden. In Japan interessiert
sich eben niemand besonders für diese extremen Blütenfarben!
Kein Wunder - lieben die Japaner doch die Anmut von zarten Wildblumen
wie Ackerwinde oder von Kirsch- oder Pflaumenblüte.
Mythos:
typisch für jeden japanischen Garten ist eine
Auswahl von Steinlaternen, Wasserbecken. Buddhafiguren, Pagoden.
Fakt: Ein japanischer
Garten kann gänzlich ohne diese Elemente auskommen, jedoch selten
ohne Felsen, Wasser bzw. Splitt, Wege und Formgehölze. Steinlaternen
und Wasserbecken werden sehr sparsam, wenn überhaupt, nur als Akzente
gesetzt. Pagoden und Buddhafiguren kommen zu 90 % nicht vor.
Mythos:
rot lackierte Brücken und Tori (Shinto-Tore)
sind typischer Bestandteil japanischer Gärten.
Fakt: Wer schon einmal
in Japan war, hat diese Elemente mit Sicherheit nur in einem Zusammenhang
gesehen: als religiöse Symbole vor Schreinen des Shintoismus. Der
Shintoismus ist die älteste Religion in Japan. Diese hat die japanische
Kultur sicherlich beeinflusst, z.B. wurden Felsen und alte Bäume
als beseelte Wesen verehrt. Daher stammt möglicherweise die tiefe
Verbundenheit der Japaner zu besonderen Steinen und Felsen. Andere kulturelle
Entwicklungen wie z.B. die Teezeremonie, Ikebana, Bogenschießen,
Kalligraphie und eben die Gartenkunst sind viel stärker durch eine
andere Lebenshaltung beeinflusst: In der Zeit der Shogune und Samurai
orientierten sich diese eher am Zen-Buddhismus und an einer Ethik von
Treue, Kargheit, Strenge, Einfachheit und Selbstdisziplin, auch um sich
vom pompösen Kaiserhof abzusetzen. Alles Verzierte und Bunte hatte
in dieser Lebenshaltung keinen Platz. So findet man auch in 99,99% aller
japanischen Gärten in Japan (in Deutschland sieht das leider oft
anders aus...) weder rote Shinto-Tore noch rote Brücken! Dieser Mythos
ist so absurd wie, als würde jemand behaupten, dass in vielen deutschen
Gartenanlagen Kreuze stehen würden.
Mythos:
die Formen von gestalteten Kiefern, Ilex, Wacholder,
Taxus sollten idealerweise in einzelnen, klar von einander abgegrenzten,
kugeligen Ponpons an kahlen Ästen bestehen.
Fakt: Die am intensivsten
gestaltete Baumart in Japan (zu ca. 95%) ist die Kiefer (meistens die
grünnadeligen Pinus thunbergii und Pinus parviflora). Das hängt
damit zusammen, dass oft ein Landschaftsbild nachgeahmt wird, wie es auf
chinesischen Tuschemalereien dargestellt ist. Aber auch die japanische
Küstenlandschaft ist reich an von Wind und Wetter geformten Kiefern.
Und genau dieses Aussehen von alten Küstenkiefern dient als natürliches
Vorbild für die Gestaltung. Grob beschrieben: einzelne flache Astetagen,
die sich nach unten neigen an einem leicht S-förmigen, borkeligen
Stamm. Es gibt an die 40 Gestaltungstechniken, die mit Bedacht und Fachkenntnis
eingesetzt werden. Leider sind diese Techniken und ihre Anwendung hierzulande
nicht alle bekannt und es fehlt oft an einer ästhetischen Vorbildung.
Möglicherweise sind dies die Gründe dafür, dass soviele
Skurrilitäten wie pudelähnliche Bäumchen in den Gartencentern
und Baumschulen angeboten werden. In Japan kommen diese Formen zu 95%
nicht vor, in China öfter.....
Mythos:
der Trockengarten mit seiner geharkten Splitt-Fläche
diente den Mönchen zur Meditation.
Fakt: Alle japanischen
Klöster verfügen über einen geschlossenen Meditationsraum
im Klostergebäude. Oft sitzt der Meditierende sogar mit dem Gesicht
zur Wand. Die ersten Gärten, die in Klöstern angelegt wurden,
wurden in Japan sehr kontrovers diskutiert, da man diese Kunstform für
zu weltlich hielt. Dennoch haben sie sich etabliert.
Mythos:
Kois gehören in jeden japanischen Garten
Fakt: Die japanische
Gartentradition lässt sich bis ins 12.Jhd. und weiter zurück
verfolgen. Kois werden dagegen in Japan erst seit ca. 200 Jahren gezüchtet....
Mythos:
Der japanische Garten stellt eine Miniaturisierung
von
Landschaftsbildern dar.
Fakt: Auch in den kleinsten
Gärten sind alle Gartenelemente wie Steinlaternen, Brücken,
Wege, Felsen etc. nicht in verkleinerter Form eingesetzt. Die Miniatur-Steinlaternen
sind z.B. eine Erfindung westlicher Vermarktungsstrategien.
Vielmehr geht es um Abstraktion, um das Herauskristallisieren der Essenz
einer Landschaft und die kann z.B. auch schon ein einzelner Felsen und
ein Farn darstellen. |